Capítulo 1 de 34
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FOLKWANC- VERLAG G. M.B. H. HAGEN i. W. UND DARMSTADT
in Auswahl übertragen von BERTHOLD LAUFER
FOLKWANG-VERLAG G. M. B. H. HAGEN i.W. UND DARMSTADT
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Nachdem unser Verlag es zu seiner Aufgabe gemacht hatte, die geistigen Leistungen aller Zeiten und Völker einem größeren Publikum zugänglich zu machen, stießen wir vor einiger Zeit in den Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien auf die Uebertragungen des Herrn Dr. Berthold Lauf er, die unter dem Titel „Aus den Geschichten und Liedern des Milaraspa" im Jahre 1902 veröffentlicht wurden. Auf unsere Anfrage teilte uns Herr Laufer aus Chicago mit, daß bereits im Jahre 1901 im „Archiv für Religionswissenschaft" zwei Legenden des Milaraspa zum Abdruck gekommen waren. Beide Zeitschriften sind weder im Buchhandel noch auch sonst für den Laien leicht erreichbar. Wir waren über diese tibetischen religiösen Dichtungen so sehr erstaunt, daß wir glaubten, diese Dichtungen könnten die Psyche des Landes und Volkes, das wie kein anderes unbekannt geblieben ist, am besten den Lesern näher bringen.
Herr Lauf er teilte uns mit, daß er auf Grund seiner weiteren Forschungen natürlich in der Lage wäre, manche Verbesserungen in der Uebertragung zu machen. Da wir nun einerseits eine so umfangreiche Arbeit einem Ver- fasser, der in Amerika lebt, nicht zumuten mochten, und andererseits nicht glauben, daß diese Verbesserungen an dem Inhalt und Geist der Dichtungen Wesentliches ändern würden, sondern wiederum nur wissenschaftlichen Kreisen von Interesse wären, haben wir Herrn Laufer gebeten, die Ueber- tragungen so gut wie ohne Veränderungen zum Abdruck für ein größeres Publikum bringen zu dürfen. Das Werk enthält so außerordentlich viel wertvolle Aufschlüsse über die Vorstellungen, die in Tibet mit dem Leben und der Macht der Heiligen verbunden sind, daß wir glauben, daß diese Schriften ein außerordentliches Interesse finden werden bei einem Publikum, das bestrebt ist, seine Begriffe vom Geist vergangener Zeiten zu erweitern.
Milaraspa oder kurz Mila genannt, sagt Jäschke von ihm, ist der Name eines buddhistischen Asketen des elften Jahrhunderts, der zwischen seinen Meditationsperioden als Bettelmönch im südlichen Teile Mitteltibets umherwandernd, durch seine stets in gebundener Rede und Gesangweise vorgetragenen Improvisationen Lehrbegierige unter- richtet, Weltlichgesinnte zum Glauben bringt, Ketzer niederdisputiert und bekehrt und mannigfache Wunder (Rdzu-prul) verrichtet, und dessen nicht ohne Witz und Poesie geschriebene Legenden das beliebteste und verbreitetste Volksbuch in Tibet sind. Ob nun Milaraspa selbst der Verfasser des Mgur <>bum*) ist, steht einstweilen dahin. In dem Buche selbst läßt sich keine darauf oder überhaupt auf die Autorschaft desselben bezüg- liche Angabe nachweisen. Ebensowenig ist etwas über die Zeit der Abfassung gesagt. Nach der chronologischen Tafel Reu mig hat Milaraspa von 103 8 bis 1122 gelebt. Zu- nächst ist sicher, daß das vorliegende Werk keine posthume Erfindung vorstellen kann, denn es führt die Ereignisse aus Milaraspa's Zeit mit solch lebendiger Frische und un- mittelbarer Treue der Darstellung, mit einer Schärfe der Charakteristik des Trägers der Handlung und der dabei beteiligten Personen, mit solch feiner Wiedergabe der Orts- und Zeitfärbung vor, daß man nicht anders als dem Gedanken Raum geben kann, der Inhalt dieser Blätter müsse einer gleichzeitigen Aufzeichnung entstammen. Das gilt in erster Reihe von den zahlreichen Liedern, welche die erzählenden Prosapartien so stark überwuchern, daß das Werk mit Recht nach ihnen benannt worden ist. Sie rühren zweifellos von dem Dichter selbst her und sind sicher von ihm auch niedergeschrieben worden; sie sind zu sehr von der Subjektivität der Persönlichkeit erfüllt, als daß man mit gutem Grunde annehmen könnte, ein Schüler des Meisters habe dieselben, wie er sie aus seinem Munde gehört, aufgezeichnet und nachträglich bearbeitet. Gleichwohl kann nicht das ganze Werk in dem Zustande, wie es uns jetzt vorliegt, als Erzeugnis des Milaraspa angesprochen werden. Dagegen streiten verschiedene in den Prosateilen vor- kommende Stellen, welche deutlich auf ein späteres Zeitalter als das des Milaraspa an- spielen. So werden wiederholt Stätten der Verehrung, die durch die Erinnerung an den Aufenthalt des verehrten Lama geweiht sind, mit ihren späteren Benennungen aufge- führt; solche Plätze konnten ja naturgemäß auch erst nach dem Tode des Meisters ihre rechte Bedeutung erlangen, als der Ruf seiner Tätigkeit und seiner Lieder sich weiter
+3 d.h. „Die Hunderttausend Gesänge". Der vollständige Titel heißt: Rje btsun Mi la ras pai rnam thar rgyas par phye ba mgur'bum „die des ehrwürdigen Milaraspa Lebensgesdiiditc ausführlich darlegenden Hunderttausend Gesänge". Die auf Seite 8 ge» gebenen Zitate beziehen sich auf einen im Besitze des Herrn Dr. Lauf er befindlichen, aus 263 fol. bestehenden Holzdruck de« Werkes.
und weiter im Volke verbreitete. So heißt es in dem Prosaabschnitt nach dem ersten Liede der folgenden Proben (S. 19), daß der Felsblock, auf dem Milaraspa einen hüpfenden Tanz aufführte und Spuren seiner Füße und Schneeschuhe hinterließ, in früherer Zeit „der flache weiße Felsblock", später dagegen „Spuren der Schneeschuhe" genannt wurde. Diese Bemerkung kann wohl nur der Zusatz eines späteren Bearbeiters sein. Eine ähnliche Stelle begegnet auf fol. 6 b 3: Nach einem durch Dämonenspuk erregten Unwetter läßt sich Milaraspa auf einem Steine nieder, wo ebenfalls seine Fußspur zurück- bleibt; dann geht er einige Schritte weiter, der Himmel heitert sich auf, in freudig ge- hobener Stimmung setzt er sich auf einen Hügelvorsprung, wo er sich einer Betrachtung der Liebe zu allen Wesen hingibt. Dieser Ort nun, so lautet ein folgender Zusatz, ist bekannt als Byams sgang „der Hügelvorsprung der Liebe". In derselben Erzählung, fol. 9 b 5, erhält ein anderer, durch eine phantastische Vision Milaraspa's berühmt ge- wordener Ort den Beinamen La dgu lung dgu „die neun Pässe, die neun Täler". Solche Namen werden im Volke erst in späterer Zeit, als die Geschichten des beliebten Lehrers populär wurden, zum Andenken an seine Wanderungen entstanden sein.
Die Beliebtheit des Mgur obum wird einmal durch die Aussage von J ä s c h k e bezeugt, daß das bekannteste und am meisten gelesene Werk in Bezug auf Milaraspa eben diese Hunderttausend Gesänge sind, welche in verschiedenen Holzdruckausgaben in ganz Tibet verbreitet sind, sodann durch den Historiker ojigs med nam mkha, der an zwei Stellen seines Werkes sowohl das Rnam thar als Mgur obum zusammen mit philosophischen Abhandlungen als Vortrags- und Studienschriften in der Mongolei für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts erwähnt. An zwei anderen Stellen zitiert derselbe Autor einmal drei und das andere Mal vier Verse aus Mila.
Wenn wir auch vorläufig noch nicht imstande sind, das Datum der Abfassung des vorliegenden Werkes zu bestimmen, so gibt uns doch dieses selbst Hilfsmittel in die Hand, um die Zeit der Ereignisse festzusetzen, welche den Rahmen der vorliegenden Geschichten bilden. Auf fol. 6 b 3 findet sich nämlich die Angabe einer bestimmten Jahreszahl. Als Milaraspa zu dem Flüßchen Chu bzang („treffliches Wasser") gelangte und sich in die Betrachtung des fließenden Wassers vertiefte, heißt es: me pho stag gi lo ston zla ra bai tses bcui nub „da ging der 10. Tag des ersten Herbstmonats des Feuer-Tiger-Jahres zur Rüste". Das Feuer-Tiger-Jahr ist das 60. Jahr des Cyklus, in diesem Falle des 1. Prabhava, also das Jahr 1085. Der erste Herbstmonat wäre nach der indischen Einteilung der Jahreszeiten der September, nach tibetischer Anschauung der August. Dies ist die Zeit, zu der Milaraspa die Dämonen auf dem La phyi bekehrt. Darauf bringt er einen ganzen Monat in Gnas <>thil zu, worauf er sich in das Dorf Gna nam begibt (fol. 9 b 7). Wie lange er dort weilt, ist nicht mit Bestimmtheit gesagt, doch läßt sich die Zeit ungefähr aus der Angabe in unserer ersten Erzählung bemessen, daß unmittelbar nach seiner zweiten Besteigung des La phyi ein neun Tage und Nächte
andauernder heftiger Schneefall, d. h. also der Winter eintritt. Dies Ereignis muß demnach im Oktober stattgefunden haben, was durch zwei weitere Zeitangaben bestätigt wird. Im Pferd-Monat ( Rtai zla ba), d. i. im 3. Monat des Jahres 1086, und zwar in der zweiten Hälfte desselben, bringen dem Meister seine Verehrer in dem Glauben, daß er während des strengen Winters auf dem Schneeberge umgekommen sei, ein Totenopfer dar: im folgenden Monat Saga machen sie sich auf, ihn zu suchen, treffen ihn lebend an und kehren mit ihm nach Rtsar ma zurück. Seite 21, Vers 16, gibt Milaraspa die Zeit seines Winteraufenthaltes auf sechs Monate an, was also mit der Annahme, daß derselbe im Oktober 1085 begonnen, übereinstimmt. Seite 17, Vers 25, wird der Neujahrstag 1086 erwähnt. Der Zeitraum, den die Handlung unserer ersten Erzählung einnimmt, dehnt sich also von September 1085 bis April 1086 aus. Dem gegenüber ist die auf Seite 16, Vers 8—10, gemachte Zeitangabe befremdend, daß Milaraspa am Jahresende des Tigerjahres, im Jahresanfang des Hasenjahres, am sechsten Tage des Monats Wa-rgyal, der Weise des Kreislaufes überdrüssig, auf den La phyi gegangen sei. Unter dem Tigerjahr kann nur das Jahr 1085 (me stag) und unter dem Hasenjahr nur das Jahr 1086 (me-yos) verstanden werden. Der Monat Wa-rgyal wird in den Wörter- büchern nicht erklärt; wa ist aber die Bezeichnung des 7- oder 8. Naksatra ( = Skr. acjesa) und rgyal Name des 6. Naksatra ( = Skr. pusya), und das Sternbild beider ist der Krebs. Darnach könnte es sich möglicherweise um den Monat Juli handeln. Nach der vorausgegangenen Darlegung ist es jedoch unverständlich, wie hier dieser Monat in Betracht kommen könnte, und ferner, in welcher Beziehung er zu den beiden vorher- gehenden Jahreszahlen stehen sollte, aus denen man nur schließen kann, daß es sich um den Winter von 1085 auf 1086 handelt. Man darf nicht übersehen, daß die Zeitangabe in jenen drei Versen eine stark poetische Färbung hat, wie aus den ungewöhnlichen Ausdrücken yong stag für stag, yos bu für yos, aus der Wiederholung von lo in V. 8 und 9 und dem sonst nicht belegten Wa-rgyal hervorgeht; ebenso ist na (V. 10) ganz un- gewöhnlich statt tshes. Schon aus diesem Grunde kann diese Stelle nicht die gleiche Bedeutung beanspruchen wie die übrigen in dem gewöhnlichen Stile der Prosa gegebenen Zeitbestimmungen, deren Richtigkeit dadurch in keiner Weise angefochten wird. Die zweite, dritte und vierte Geschichte schließen sich zeitlich eng an die erste an und spielen gleichfalls im Jahre 1086. Aus den Naturschilderungen des Liedes Seite 48 u.49 in der dritten Erzählung geht hervor, daß die Zeit derselben der Spätfrühling oder der Sommer sein muß. Beachtenswert ist, daß die von Sum pa mkhan po verfaßte chronologische Tafel Reu-mig außer anderen Jahreszahlen aus Milaraspa's Leben die Vollziehung seiner Bußübungen zur Erlangung der Heiligkeit dem Jahre IO83 zuweist.
Alle diese Zeitbestimmungen weisen deutlich auf die historische Grundlage des vor- liegenden Werkes hin. Einen weiteren Fingerzeig für dieselbe geben die Namen und Schilderungen der Oertlichkeiten, die sich selbst bei unseren spärlichen Hilfsmitteln
zum Teile noch im heutigen Tibet nachweisen lassen. Der Schauplatz von Milaraspa's Erzählungen ist das nordwestliche Tibet in den nördlichen Teilen des Himalaya zwischen der Grenze Nepals und dem Oberlaufe des Brahmaputra (Ya ru gtsang po). Die Schön- heiten der Gebirgswelt und der Natur überhaupt sind wiederholt Gegenstand der Lieder. Die in den Geschichten genannten Dörfer liegen alle nicht weit von Gung thang, Mila- raspa's Geburtsort (vergl. Seite 54, Vers 10), der sich gleichzeitig rühmt, den Ueber- setzer R v a 1 o zu seinen Söhnen zu zählen. Es ist eine anziehende Erscheinung, daß das Volk in diesem Distrikte die Erinnerung an Milaraspa noch bewahrt hat; denn in der tibetischen Geographie des Minchul Chutuktu (gest. 1839) wird bei der Erwähnung von Gung thang ausdrücklich der Grotte gedacht, in der Mila die Vollendung erlangte, und einer Insel (Chu bar), wo er predigte.
Außer diesen äußeren Momenten der Zeit und des Ortes sprechen für den geschicht- lichen Hintergrund des Buches der historische Charakter der Persönlichkeit des Milaraspa selbst, sein Zusammentreffen mit anderen historisch beglaubigten Personen und die innere Wahrscheinlichkeit der in chronologischer Reihenfolge vorgetragenen Ereignisse, soweit sie nicht durch Wunder und andere rein legendenhafte Zutaten ausgeschmückt sind. Ueber Milaraspa's Person ist uns freilich bis jetzt nicht viel bekannt geworden, und eine vollständige Kenntnis derselben wird sich erst aus einer Durchforschung des Mgur obum und Rnam thar gewinnen lassen. Als ziemlich gesichert mag feststehen, daß er ein Schüler des M a r p a war, mit dem er den Lehren der Sekte der Bka rgyud pa anhing. Wie der Name besagt, stützt sich diese Sekte auf den Glauben an die mündliche Ueberlieferung des Buddhawortes, die neben der schriftlichen Tradition der heiligen Bücher durch eine ununterbrochene Reihe von Lehrern und Schülern fortgepflanzt sein soll. Als ihre Begründer werden die drei Grub chen Naropa, Telopa und M a i t r i p a genannt. Marpa's Lehrer Naropa oder N a r 0, ein Zeitgenosse des Padmasambhava und Atisha, erhielt seine Belehrung von Telopa, der seinerseits eine unmittelbare Inspiration vom Buddha Vajradhara empfing (vergl. Seite 37, Vers 26; Seite 38, Vers 6). M a r p a wird wiederholt als Bka rgyud bla ma oder kurz Bla ma, der Lama, bezeichnet; er wird am Anfang der meisten Lieder angerufen und stets mit dem Ausdrucke höchster Verehrung und innigster Liebe von Milaraspa genannt. Wenn sich auch Milaraspa's philosophische Anschauungen nicht eher werden systematisch darstellen lassen, als bis das ganze Buch bearbeitet ist, so läßt sich doch schon nach den hier mitgeteilten sieben Kapiteln einigermaßen sicher urteilen, daß er weit davon entfernt ist, ein eigenes System zu begründen; er gibt nur die Lehren seiner Vorgänger in einer seinem stark ausgesprochenen persönlichen Geiste entsprechenden Form wieder, mit einer übermäßig scharf hervorgekehrten Betonung der Meditation, wie sie in der von Asahga begründeten Yogacarya-Schule betrieben wurde. Viele Lieder beschäftigen sich eingehend mit den physiologischen und psychischen Grundlagen ekstatischer Beschauung
und verlieren sich zuweilen in einen schwindelnden Abgrund bodenloser Mystik. Doch darf die große Wichtigkeit dieses Materials zur Erkenntnis und Beurteilung dieser merk- würdigen religiösen Richtung keineswegs unterschätzt werden. Aber gerade die in- teressantesten Züge an Milaraspa's Charakter sind die nichtbuddhistischen. So sehr er sich auch immer anstrengt, den starren asketischen Yogin hervorzukehren, gelangt doch der Tibeter und der Dichter in ihm wieder und wieder zum Durchbruch, und das bedingt eben einen der größten Reize dieses fesselnden Werkes. Die verschrobensten Meditationstheorien vermögen nicht den Menschen, das Ich in ihm zu unterdrücken; er ist Yogin weit mehr in der Theorie als in der Praxis, er vollzieht keine fabelhaften Bußübungen wie seine indischen Vettern, er ist nicht zum stumpfsinnigen Brüter herab- gesunken, der den Zustand seligsten Glückes in stumpfer Gedankenlosigkeit erreicht zu haben vermeint. Nein, Milaraspa tut Dinge und entwickelt Eigenschaften, die sich mit den strenggläubigen Anforderungen an den heiligen Beruf des buddhistischen Mönches und Yogin nimmermehr vereinigen lassen; er dichtet, er singt, er lacht, er scherzt, ist froh mit den Fröhlichen, ja, er tanzt vor Freude über die Freude des Volkes, trinkt tibetischen Gerstensaft (chang) und genießt sogar Fleisch, er entwickelt Witz und Humor und zuweilen beißende Satire, d. h. kurz gesagt, er ist und bleibt Tibeter in seinem Herzen trotz allem Buddhismus. Hier bewahrheitet sich Herders schönes Wort über Tibet: „Sonderbar ist der Unzusammenhang, in welchem die Sachen der Menschen sich nicht nur binden, sondern auch lange erhalten. Befolgte jeder Tibetaner die Gesetze der Lama, indem er ihren höchsten Tugenden nachstrebte, so wäre kein Tibet mehr. Das Geschlecht der Menschen, die einander nicht berühren, die ihr kaltes Land nicht bauen, die weder Handel noch Geschäfte treiben, hörte auf; verhungert und erfroren lägen sie da, indem sie sich ihren Himmel träumen. Aber zum Glück ist die Natur der Menschen stärker als jeder angenommene Wahn.... Glücklicherweise hat die harte Mönchsreligion den Geist der Nation so wenig als ihr Bedürfnis und Klima ändern mögen. Der hohe Bergbewohner kauft seine Büßungen ab und ist gesund und munter; er zieht und schlachtet Tiere, ob er gleich die Seelenwanderung glaubt, und erlustigt sich fünfzehn Tage mit der Hochzeit, obgleich seine Priester der Vollkommenheit ehelos leben. So hat sich allenthalben der Wahn der Menschen mit dem Bedürfnisse abge- funden: er düng solange, bis ein leidlicher Vergleich ward. Sollte jede Torheit, die im angenommenen Glauben der Nationen herrscht, auch durchgängig geübt werden: welch ein Unglück! Nun aber werden die meisten geglaubt und nicht befolgt, und dies Mittel- ding toter Ueberzeugung heißt eben auf der Erde Glauben." In Milaraspa spricht sich ein starkes Nationalgefühl aus, sowohl in der Anhänglichkeit an den Boden seiner Heimat wie in der Liebe zu seinem Volke, dessen Lehrer, Prediger und Ermahner er ist, dessen Leiden und Freuden er gerne teilt. Sein stark ausgeprägtes Selbstgefühl gelangt be- sonders in der Erzählung von der Begegnung mit dem Inder Dharmabodhi zum
Ausdruck, in der gerade die wiederholte Betonung des Nationalitätenunterschiedes einen eigenartigen Zug bildet.
Einen auffallenden Gegensatz bildet Milaraspa zu Padmasambhava, dessen Legenden- buch sich geradezu als die Ausgeburt einer wahnsinnigen Phantasie darstellt; es ist wie der tolle Tanz eines Schamanen, seine sogenannten Bekehrungen sind von rohestem Kannibalismus und widerlicher Unzucht begleitet. Nichts von solchen Zügen findet sich in Milaraspa's Buche. Seine Bekehrungen erfolgen nie unter Anwendung von Gewalt, sondern einzig und allein durch die Macht seines Wortes und seiner Predigt in der Form des Liedes. Alle Erzählungen tragen einen milden und ruhigen Charakter, und selbst seine Spukmären von bösen Geistern entbehren nie eines schalkhaften Humors und einer anmutigen Liebenswürdigkeit. In seinen beschaulichen Beobachtungen der Natur zeigt sich die Feinheit seiner Empfindungen, und zuweilen gerät in ihm, wie aus dem Schlüsse des Liedes auf Seite 48 u. 49 hervorgeht, der Dichter mit dem Philosophen in Konflikt. Es ist schwer, eine Definition dieser Erzählungen aufzustellen. Mit den Jataka und Avadana haben sie nicht die mindeste Aehnlichkeit; auch liegt keine Uebertragung indischer Stoffe vor. Das Mgurobum ist vielmehr von echt tibetischem Leben erfüllt und wird gerade durch seine lebendigen Schilderungen des Volkslebens zu einem wichtigen Beitrag zur Kulturgeschichte Tibets in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts. Einige Erzählungen könnte man als Heiligenlegenden im Sinne unseres Mittelalters bezeichnen, andere aber spiegeln wirkliche Erlebnisse Mila's wieder, wie z. B. unser erstes Kapitel, andere historische Ereignisse, wie die fünfte Erzählung. Zuweilen kann man sich kaum des Eindrucks erwehren, als wenn in einigen Gedanken abendländisch- christliche Einflüsse zutage träten.
I. Milaraspa's Winteraufenthalt auf dem La phyi.
Auf die Kunde, daß der ehrwürdige Milaraspa bei seinem erstmaligen Besuche des Schneeberges La phyi die gefährlichen Geister und Kobolde bekehrt habe, strömten alle Einwohner von Gna nam herbei, um ihre Ehrerbietung zu bezeigen. Besonders Jo mo oUr mo suchte religiöse Belehrung nach: „Gegenwärtig", sprach sie, „ist Ngam pa rgyags phu ba noch klein und jung; doch wenn dieser mein Sohn erwachsen sein wird, werde ich ihn dem Ehrwürdigen zum Diener geben." Infolge des in ihnen erwachten großen Glaubens luden ihn die Bewohner von Rtsar ma ein, und während Gsen rdor mo ihm ihre Dienste widmete, weilte der Ehrwürdige im Dorfe. Aus der Beobachtung der welt- lichen Geschäfte gewann er eine außerordentlich frohe Stimmung. Als er nun sagte, daß er auf den Schneeberg La phyi gehen wolle, baten die Einwohner von Rtsar ma den Ehrwürdigen, indem Jeglicher sagte: „Es gibt nichts anderes als den Nutzen der Wesen; damit uns Nutzen entstehe, bringe doch den Winter hier zu und leite uns!" Dann fügten sie hinzu: „Auch wenn du zur Bekehrung der Dämonen später des Nachts aus- ziehst, genügt es; im Frühjahr, am Morgen, wollen wir dich als deine Diener begleiten." Besonders der Lehrer Cakyaguna und Gsen rdor mo wandten alle möglichen Bitten auf, um ihn durch den Hinweis auf die winterliche Jahreszeit und durch die Vorstellung der Lebensgefahr, der er sich auf dem Schneeberg aussetzte, zurückzuhalten; dennoch schenkte er ihnen kein Gehör und entgegnete: „Ich, der Sprößling des großen Pandita Naro, fürchte im allgemeinen die Luft der Schneeberge nicht; besonders muß ich nach dem Gebot des Marpa Weltgetümmel und Störung meiden und an einem menschen- leeren, einsamen Orte verbleiben. Ueberdies bereitet mir der dauernde Aufenthalt in einem Dorfe tödlichen Ueberdruß." Als er so zur Abreise fest entschlossen war, beeilten sich die Leute von Rtsar ma, dem Ehrwürdigen Lebensmittel zu besorgen, und einige von ihnen baten ihn, wenigstens im Winter von da wegzugehen, und versprachen zu kommen. Der Lehrer Cakyaguna und Gsen rdor mo und vier andere Leute, die den Abschiedstrunk mitnahmen, geleiteten ihn bis über den Paß und gelangten, den Paß hinabsteigend, zum Teufelsteich. Darauf übergaben sie die für den Ehrwürdigen mit- gebrachten Vorräte, zwei Maß Mehl, ein Maß Reis, ein Viertel Fleisch und einen Schnitt Butter. Dann trat er in die große Dämonen bekehrende Grotte, wo er zu bleiben ge- dachte. Jene traten den Rückweg an. Als sie die Paßhöhe überstiegen, umwölkte sich der Himmel und es brach ein wirbelndes Schneegestöber aus. Mit großer Schwierig- keit bahnten sie sich einen Weg, und bis über die Knie tief einsinkend, erreichten sie
im Kampfe mit dem Schneesturm erst bei Einbruch der Nacht ihr Dorf. Von jenem Abend an fiel aber neun Tage und Nächte lang Schnee, so daß während sechs Monaten das handelstätige Gna nam von allem Verkehr abgeschnitten war. Die Anhänger des Lehrers waren daher der festen Ueberzeugung, daß der Ehrwürdige verschieden sei und brachten zu seinem Gedächtnis in vollkommener Weise Opfergaben dar. Als der folgende Saga-Monat kam, machten sich wiederum die früheren Schüler auf den Weg, indem sie das Eis mit der Axt spalteten, um des Ehrwürdigen Gebeine zu holen. Wäh- rend sie gingen, um zu dem Orte zu gelangen, ließen sie sich, um sich zu erholen, auf einem Sitze nieder. Da stieg ein großer Schneeleopard einen Felsblock hinauf und gähnte. Er hielt lange Umschau und ließ seine Stimme ertönen. Da sprachen jene: „Der Schneeleopard dort drüben wird wohl den Leichnam des Ehrwürdigen verzehrt haben. Ob nun etwas da ist, was einem Stück seines Gewandes gleicht, etwas, was seinem Haupthaar gleicht? Etwas anderes werden wir wohl nicht finden." Sehr traurig und weinend schritten sie weiter. Auf dem leeren Platze, von dem der Schneeleopard herabstieg, zeigten sich weiter abwärts menschliche Fußspuren. Darauf verwandelte sich das Tier in einen Leopard und dann in einen Tiger; auf dem Querpfade, den sie nun einschlugen, erschien es, in der Längsrichtung gesehen, als Tiger, quer gesehen als Leopard. Da wurden jene nachdenklich und gingen in dem Gedanken, es möchte wohl ein Dämon sein, Zweifel nährend weiter. Als sie sich der großen Dämonen bekehrenden Grotte näherten, hörten sie den Ehrwürdigen Lieder singen. „Wie", dachten sie, „sollten ihm doch etwa Jäger Lebensmittel gebracht oder er selbst etwa Aasreste aus dem Vorrat eines Raubtieres gefunden haben, daß er nicht verschieden ist?" Da sprach der Lama: „Es ereignet sich zuweilen, daß die Toren alle draußen stehen. Was ist denn, daß ihr nicht eintretet? Brei und Gemüse werden euch ja kalt! So kommt doch schnell in die Grotte hinein 1" Da hielten sie vor Freude kaum die Tränen zurück und stürzten sämt- lich von allen Seiten herein auf den Ehrwürdigen, um ihm Hände und Füße zu drücken, und weinten. Der Ehrwürdige aber sagte: „Laßt das jetzt lieber sein und nehmt Speise zu euch!" Jene machten zuerst eine Verneigung und erkundigten sich nach seinem Befinden. Als sie sich umschauten, fanden sie, daß von den früheren Vorräten nicht mehr als ein Maß Mehl aufgebraucht und dazu das in den Reis gelegte Fleisch nicht einmal versucht war. Der Lehrer Cakyaguna sagte: „Mit unseren Nahrungsmitteln richtest du ja ein Totenmahl her. Hat der Ehrwürdige vermöge seines Seherblickes unsere Ankunft vorausgeschaut?" Der Ehrwürdige erwiderte: „Als ich oben von einem Felsblock her Umschau hielt, sah ich euch, wie ihr euch ausruhtet." Wiederum fragte der Lehrer Cakyaguna: „Wir haben oben auf dem Felsblock nur einen Schneeleoparden, den Ehrwürdigen aber nicht bemerkt, wo weilte denn der Ehrwürdige zu jener Zeit?" Der Ehrwürdige entgegnete: „Eben jener Schneeleopard war ich ja selbst: Da nämlich die Yogin, welche Adepten der höchsten Mystik sind, die auf den vier Elementen
beruhenden Sinnesorgane durch ihren Glanz besiegen, so habe ich die Fähigkeit erlangt, mich in einen beliebigen Körper verwandeln und so Trugbilder zeigen zu können. Da ihr nun dessen würdig seid, habe ich euch diese Verwandlung meines Leibes sehen lassen. Doch sagt den Leuten nicht ein Wort davon, daß ich solches tue." Darauf fragte Gsen rdor mo: „Das Aussehen des Ehrwürdigen ist ja weit besser als im vorigen Jahre. Haben etwa zu der Zeit, als die beiden Zugänge des Weges durch den Schnee abge- schnitten waren und kein Mensch dich bedienen konnte, Geister dir Dienste geleistet? Oder hast du etwa dergleichen wie Aasreste von Wild gefunden? Wie ging das wohl zu?" „Die meiste Zeit", antwortete er, „war ich ganz in Beschauungen versunken, so daß ich keine Speise zu essen brauchte. Zur Zeit der Festtage aber brachten mir die Daka von ihren Anteilen an den Opferspenden. Ich nehme immer eine LöfFelspitze Mehl auf einmal. Neulich überdies, in der zweiten Hälfte des Pferd-Monats (Caitra), wurdet ihr, meine Schüler, so lebendig in mir, daß ein solches Gefühl der Sättigung durch reichliche Speise und Trank über mich kam, daß ich viele Tage lang gar kein Bedürfnis fühlte, Nahrung zu mir zu nehmen. Was habt ihr denn eigentlich zu jener Zeit getan?" Jene rechneten die Zeit nach und fanden sehr genau heraus, daß es zu ebenderselben Zeit geschah, da sie zu seinem Gedächtnis in vollkommener Weise Opfergaben dargebracht hatten. Da sagte der Ehrwürdige: „Ja, wenn weltlich Gesinnte den Grund zur Tugend legen, so gereicht das für den Zwischenzustand zum Heil. Deshalb ist es jetzt auch von großer Kraft, um den Zwischenzustand zu verhindern." Darauf drangen jene mit Bitten in den Ehrwürdigen, einer Einladung nach Gna nam zu folgen. Der Ehr- würdige erwiderte aber: „Ich bin von Freude darüber erfüllt, doch da ich mit der För- derung meiner Meditation beschäftigt bin, kann ich nicht gehen. Ihr selbst aber mögt ziehen." Da sagten jene: „Wenn der Ehrwürdige jetzt nicht mitkommt, werden uns alle Einwohner von Gna nam beschuldigen, daß wir den Ehrwürdigen dem Tode preisgegeben haben; so werden uns üble Nachreden und große Schmähungen erwachsen." Jo mo <>Ur mo sagte insbesondere: „Da böse Nachrichten mit den Worten:, Berichte doch von meinem Ehrwürdigen!' wieder und wieder ausgestreut werden würden, so ist es besser, daß auch wir, wenn der Lama nicht mitkommt, hier bleiben und den Tod erwarten." Da vermochte der Ehrwürdige ihrem Drängen nicht länger zu widerstehen und versprach, mit ihnen zu gehen. Im Winter hatten die Daka zu dem Ehrwürdigen gesagt: „Für dich, Milaraspa, ist es zwar nicht nötig, doch in Zukunft wird es für das Geschlecht deiner Schüler nötig sein: nimm daher folgende Methode an, um einen Weg über das Eis zu bahnen." So trugen sie denn die nach Anweisung der Daka verfertigten Schneeschuhe, und als es mittlerweile Morgen geworden war, machten sie sich nach dieser Seite hin auf den Weg. Von der Paßhöhe an eilte Gsen rdor mo voraus und verkündete den Leuten von Rtsar ma und den übrigen Zuhörern die frohe Botschaft: „Der Ehrwürdige ist heil und gesund und ist im Anzüge hierher!" Der Ehrwürdige,
Lehrer und Schüler nahmen auf einem flachen weißen Felsblock ihr Frühstück ein. Dahin eilten nun die Zuhörer, welche die frohe Botschaft vernommen, Männer und Frauen, Alt und Jung, alle ohne Unterschied, dem Ehrwürdigen entgegen. Alle Be- sucher hängten sich an den Ehrwürdigen, weinten und erkundigten sich unter Freuden- tränen nach seinem Befinden. Sie verneigten sich vor ihm und umwandelten ihn. Der Ehrwürdige hatte ein Bambusrohr, das ihm als Stab diente; auf dieses stützte er beide Hände und das Kinn. Jene einen Weg über das Eis bahnenden Schneeschuhe hatte er an die Füße gebunden und trug von dem flachen weißen Felsblock herab den dort ver- sammelten Zuhörern zur Antwort auf ihre Frage nach seinem Ergehen folgendes Lied vor:
Daß wir heute unter dem Thronbaldachin des Glückes,
Ihr gabenspendenden Männer und Frauen, die ihr mich ehrerbietig besucht,
Uns noch einmal vor dem Sterben getroffen haben, freut mein Herzl
Ich, alter Mann, bin eine Schatzkammer von Liedern:
So will ich mit diesem Liede die Antwort auf eure Frage nach meinem
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